Christliche Zeugnisse 5



Den wichtigsten Schritt habe ich ohne Beine gemacht

Die Lebensgeschichte von Silke Schwarz




Frau Schwarz, seit einem Snowboard-Unfall vor genau zehn Jahren sind sie querschnittsgelähmt. Können Sie uns berichten, wie das damals passiert ist?

Mit ein paar Leuten waren wir zum Helikopter-Skiing nach Russland gereist. Wir waren schon an zwei Tagen auf dem Berg gewesen, als es zu einem letzten Mal nach oben ging. Ich bin an diesem Tag Snowboard gefahren. Bei der Abfahrt überholte mich irgendwann der ”Lumpensammler”, so heißt der Betreuer, der als Letzter fährt und die Gruppe im Auge behalten soll. Doch das hätte er nicht tun dürfen, denn so bemerkte niemand, dass mir plötzlich der Boden unter den Füßen wegbrach und ich in eine zugeschneite Gletscherspalte stürzte.

Was denkt man in so einem Moment?

Ich fiel fast 15 Meter tief und ich erinnere mich noch, dass ich dachte: ”Das gibt’s doch nicht, so was passiert doch nur im Kino!” Dann wurde ich kurz ohnmächtig. Als ich aufwachte, hatte ich starke Schmerzen, konnte aber meine Beine noch bewegen. Die fatale Verletzung erhielt ich erst bei der Rettunsaktion selber. Als man mich in den Hubschrauber hieven wollte, kam eine Böe und riss den Hubschrauber seitlich weg. Ich hing nur noch an meinen Füßen und dabei ist es dann passiert: Die angeknackste Wirbelsäule bekam den Rest. Als ich endlich im Hubschrauber lag, merkte ich, dass ich kein Gefühl mehr in den Beinen hatte.

Wann war Ihnen definitiv klar, dass Sie nie mehr laufen können würden?

Das ist schwer zu sagen, denn im Schock verarbeitet man so etwas erst einmal nicht weiter. Erst als ich Wochen nach der Operation zur Reha in eine Klinik nach Ludwigshafen kam, wurde ich mit ganzen der Wahrheit konfrontiert. Der Oberarzt sagte: ”Wir wollen Ihnen nur sagen: Auch ein Leben im Rollstuhl ist lebenswert.” – Peng! Das war das erste Mal, dass jemand das Wort Rollstuhl in den Mund genommen hatte.

Sie haben in der Zeit im Krankenhaus zu Gott gefunden. Wie das?

In den ersten Wochen habe ich so manches Mal nachts vor Wut geheult oder ins Kissen gebissen und habe natürlich auch die typischen Fragen gestellt: Warum? Wieso ich? Was mache ich jetzt? Doch eines Tages wurde mir klar: Wenn die Ärzte dir nicht mehr helfen können, musst du die Antworten woanders suchen. Meine Mutter habe ich dann gebeten, mir eine Bibel mitzubringen. Ich dachte: ”Wenn einer meine Fragen beantworten kann, dann ist das Gott – falls es ihn gibt!”

In dieser Situation bekam ich einen neuen Pfleger, der Christ war. Er hat mir von Jesus erzählt, hatte viele Antworten auf meine Fragen, hat mit mir in der Bibel gelesen und mit mir gebetet. Aber das Entscheidende war der Friede, den er ausstrahlte. Den wollte ich auch haben. Und so kam nach wochenlangen inneren Kämpfen der Moment, an dem ich Jesus in einem Gebet mein Leben anvertraut habe. Damit habe ich den wichtigsten Schritt meines Lebens also tatsächlich ohne Beine gemacht.

Bereits während der Reha haben Sie angefangen, Rollstuhlbasketball zu spielen. Später sind Sie aufs Fechten umgestiegen und haben nach nur 15 Monaten bereits olympisches Gold geholt. Wie schafft man das?

Wenn man im Rollstuhl sitzt, ist Sport – sofern man in einem gewissen Maß dazu in der Lage ist – geradezu überlebensnotwendig. Denn durch das permanente Sitzen leidet der Körper unausweichlich. Ganz davon abgesehen wollte ich einfach wissen, was noch so alles in mir drin steckt. Als Fechterin wurde ich enorm gefördert. Und weil ich nicht unbegabt war und fast jeden Tag trainiert habe, konnte ich schon nach einigen Monaten mit zu hochrangigen Turnieren fahren. 1995 ging es zu den Europameisterschaften nach Großbritannien wo ich Bronze holte, danach warteten die Paralympischen Spielen in Atlanta, bei denen ich dann sogar Gold geholt habe. Damit hätte ich nie gerechnet! Aber als ich es bis zum Halbfinale geschafft hatte, habe ich gebetet: ”Herr, wenn du mich bis hierher gebracht hast, dann kannst du mich auch den Rest noch schaffen lassen. Und wenn es so sein soll, dann will ich den Menschen auch gerne sagen, dass diese Medaille eine Co-Produktion zwischen dir und mir war.” Und das habe ich dann auch getan.

Wie reagierten die Leute?

Wenn ich live aufgetreten bin, kam eigentlich nie Kritik und wenn ich irgendwo im Fernsehen auftrete, bekomme ich hinterher oft Briefe von Menschen, die es toll fanden, wie ich über meinen Glauben rede, oder die selber auch der Suche sind. Hintenrum hört man natürlich immer wieder einmal, dass so mancher es nicht gut findet, dass ich meinen Glauben so öffentlich mache. Aber ich bin nun mal ein evangelistischer Typ. Ich finde, es ist mein Job, den Mund aufzumachen, auch wenn es nicht jedem schmeckt. Es ist gut, wenn Menschen aufgerüttelt werden.

Was zieht Sie an Jesus Christus denn besonders an?

Dass er tatsächlich existiert. Er greift in Situationen ein, verändert Dinge und Menschen. Am erstaunlichsten finde ich sowieso, wie Gott einen über die Jahre durch seinen Heiligen Geist verändert. Ich bin geliebt und angenommen so wie ich bin und darf mich doch weiterentwickeln. Ich bin heute eine andere als die, die ich früher war. Das hat natürlich zum einen mit dem natürlichen Reifungsprozess zu tun, aber durch Gott bekommt deine ganze Person eine völlig andere Ausrichtung. Allein das ist ein Wunder.

Apropos Wunder: Haben Sie sich nie gewünscht, geheilt zu werden?

Natürlich und ich weiß, Gott kann mich hier und jetzt heilen. Es gibt Tage, an denen ich mich extrem nach Heilung ausstrecke und dann wiederum kann ich es ganz locker akzeptieren wie es ist. Glauben Sie mir, ich habe ständig Schmerzen und Gott hat sie mir bisher nicht weggenommen, obwohl er weiß, wie es mir geht. Darum bin ich sicher, dass sie einen Sinn haben und sei es nur, dass sie mich demütig halten oder dass ich Menschen, die auch Schmerzen haben, besser verstehen kann. Oder dass Leute, die mich beobachten, denken: ”Mensch, und die hält trotzdem an Gott fest! Das muss aber ein starker Gott sein!”

Von diesem grundsätzlichen Ja zu meiner Behinderung möchte ich mich nicht wegbewegen und dennoch gleichzeitig daran festhalten, dass Gott handeln kann. Das zu akzeptieren, ist eine echte Aufgabe. Alles andere wäre für mich Leistungsglauben. Gott möchte, dass wir bei ihm zur Ruhe kommen. Da gibt es kein Machen! Ich bin immer wieder mit meinem ganzen Leben und allen Fragen auf Gott geworfen. Und das ist letztlich auch das, worum es geht: Die Nähe und der Kontakt zu ihm. Dann ist alles andere nicht mehr so wichtig. Gott als Person ist die Antwort.

Sie haben einmal gesagt: ”Fatal ist, wenn Menschen ihr Leben aus eigener Kraft meistern können.” Wieso das?

Weil sie dann glauben, die Zusammenarbeit mit Gott nicht zu benötigen. Wenn es Menschen gut geht, glauben sie schnell, dass sie Gott nicht brauchen. Aber das ist ein fataler Irrtum. Er endet darin, dass Menschen auch in Ewigkeit nicht mit ihm zusammen sein werden. Ich bete manchmal regelrecht dafür, dass Gott einem Menschen genau die Krise schickt, die er braucht, um sich ihm zuzuwenden. Denn ich glaube, dass nichts ein Herz mehr für Gott öffnet, als eine persönliche Krise. Sicher, mancher findet durch bloßes Nachdenken über die Zusammenhänge in der Welt zu Gott. Der Wissenschaftler Blaise Pascal war so jemand. Aber das ist doch eher selten. Wieder andere finden zum Glauben, weil sie zum Beispiel in ihrem Elternhaus echten Glauben beobachten konnten und sich später dann selbst dafür entschieden haben. Ich gehörte schon immer zu der Sorte Mensch, die immer erst an ihre Grenze kommen mussten, bis sie eine Sache kapieren. Darum war es letztlich Gnade, dass ich diesen Unfall überleben und Gott finden durfte. Schließlich wollte ich ja vorher nichts mit Gott zu tun haben.

Seit 1997 sind Sie im Bereich der Garten- und Landschaftsplanung als Selbstständige tätig. Ihr Ziel ist ”eine Welt ohne zwischenmenschliche und bauliche Hindernisse”. Ist das möglich?

Nun, die zwischenmenschlichen Barrieren behindern oft mehr als die baulichen. Hinzu kommt, dass sie einander bedingen, denn wenn jeder barrierefrei denken würde – auch der Architekt –, würden keine Barrieren geplant und gebaut. Was ich mir wünsche, ist, dass Menschen einfach locker und mit dem normalen Maß an Höflichkeit aufeinander zugehen. Normalität ist wirklich das Wichtigste. Man sollte einen Behinderten einfach ansprechen und ihn fragen, ob er vielleicht Hilfe braucht. Man darf sich auch ruhig höflich nach seiner Behinderung erkundigen. Nur eine Sache, darf man unter keinen Umständen tun: Helfen, ohne gefragt zu haben! Man muss sich mal klar machen: Der Rollstuhl ist ein Teil des Körpers des Behinderten! Wenn also jemand meinem Rollstuhl anfasst, fasst er mich an. Um hier aufzuklären und Hemmschwellen abzubauen, biete ich auch Workshops und Vorträge zu Themen wie ”Umgang mit Behinderten” oder auch ”Barrierefreiheit” an. Grundsätzlich sollte es nämlich Spaß machen und eine positive Herausforderung für alle Beteiligten sein, wenn Behinderte und Nichtbehinderte aufeinander treffen. Ich möchte den Menschen ihre Berührungsängste nehmen.

Nach der Silbermedaille in Sidney haben Sie Ihre Profilaufbahn beendet. Irgendwelche Zukunftspläne?

Vorerst nicht. Denn dieser Spagat – Beruf und Sport – war auf Dauer unmöglich zu bewältigen. Natürlich habe ich Gott gefragt, was er über eine Teilnahme in Athen 2004 denkt. Und dann ist etwas vollkommen Ungeplantes passiert: Ich habe mich verliebt und werde noch in diesem Sommer heiraten. Was dann alles auf meinen Mann und mich zukommt, können wir beide noch nicht abschätzen. Aber eins wird auch in Zukunft unsere Priorität sein: Wir wollen regelmäßig als Paar für Gott unterwegs sein – und das ist ein großes Geschenk!

Interview: Sabine Schmidt; aus: Neues Leben - Das christliche Ratgebermagazin
(www.neuesleben.com)

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