Erreichbare Freude




Ich begrüsse Sie als Ihr Freund,
und tief ist die Liebe, die ich für Sie hege.
Nichts könnte ich Ihnen geben, das Sie nicht schon hätten.
Sie aber können vieles, sehr vieles nehmen, was ich nicht geben kann.
Es gibt für uns keinen Himmel, bevor unsere Herzen zur Ruhe kommen.
Wählen wir also den Himmel.

Es gibt keinen zukünftigen Frieden,
der sich nicht schon jetzt in diesem gegenwärtigen Augenblick verborgen hält.
Wählen wir also den Frieden!

Die Schwermut der Welt ist nur ein Schatten.
Dahinter, und doch erreichbar für uns, ist Freude.
Könnten wir sehen, so würden wir in der Dunkelheit Glanz und Herrlichkeit erblicken.
Aber um zu sehen, müssen wir suchen.
Ich beschwöre Sie, suchen Sie!

Das Leben ist ein großzügiger Geber.
Doch wir beurteilen dessen Gaben nach deren äusserer Hülle und
verwerfen sie als entweder nicht schön, zu schwer, oder zu hart.
Wer aber das Geschenk öffnet, hat eine lebendige Herrlichkeit vor Augen,
von der Weisheit mit Liebe und Kraft gewoben.

Glauben Sie mir, dass alles, was wir als Heimsuchung,
als Leid oder Verpflichtung empfinden, bezeugt,
daß die Hand des Engels anwesend ist.

Das ist das Geschenk und das Wunder einer überschattenden Gegenwart.
Und seien Sie nicht zufrieden mit ihren Freuden als solchen.
Denn auch sie verbergen göttliche Gaben.

Das Leben ist voller Sinn und Bedeutung;
unter seiner Oberfläche ist es voll Schönheit.
Sie werden erkennen, daß die Welt Ihren Himmel nur verbirgt.
Haben Sie den Mut ihn für sich in Anspruch zu nehmen - das ist Alles.

Aber Mut haben Sie ja.
Und die Gewißheit, daß wir durch unbekanntes Land ziehen,
als Pilger gemeinsam auf dem Weg heimwärts.

Fra Giovanni Giocondo

Fra Giovanni Giocondo (c.1435 -1515) war ein Bahnbrecher der Renaissance,
Architekt, Ingenieur, Antiquar, Archaeologe, Gelehrter und Franziskaner Mönch.

Heute gedenken wir seiner hauptsächlich wegen
seines beruhigenden Briefes an die Gräfin Allagia Aldobrandeschi
vom Heiligabend, 1513.

- Übersetzung Federica Kortlang
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